Fintech-Start-ups drängen in die Geschäftsfelder traditioneller Banken. Diese müssen flexibel und innovativ agieren, wollen sie den Wettlauf um die Kunden nicht verlieren.

Bei dem Wort Digitalisierung stellen sich vielen Verbrauchern sofort die Nackenhaare auf. Unmittelbar assoziieren sie damit die Begriffe Effizienz, Kosteneinsparungen und vor allem: verminderten Kundenservice. Dabei stellt Digitalisierung im Bankensektor eine echte Chance dar - sowohl für die Finanzinstitute als auch ihre Kunden. Das beweist der Blick auf das erfolgreiche Modell des klassischen Onlinebankings. Die großen Banken haben dabei in den vergangenen Jahren, meist über Tochtergesellschaften, einen Weg gefunden, preisbewusste Kunden ohne Interesse an aufwendiger Bankberatung zu bedienen - und an sich zu binden. Doch dieser Weg, seit etwa 15 Jahren erfolgreich beschritten, bedarf dringend einer Überholung.

Denn das klassische Beratungs- und Verkaufsgeschäft ist ein Auslaufmodell, das in den kommenden Jahren nicht aufrechtzuerhalten sein wird. Eine Umfrage unter 20- bis 25-jährigen Europäern und US-Bürgern offenbarte, dass diese die herkömmliche Rolle klassischer Banken gar nicht verstehen. Der jungen Generation, wegen ihrer Geburt um die Jahrtausendwende oft als Millienials bezeichnet, reicht es, wenn sie ihr Geldgeschäft über das Internet abwickeln und am Geldautomaten Bargeld abheben kann. Zeit- und kostenintensive Beratung bei Bankangestellten ist immer weniger gefragt. Sobald die Kunden erkennen, dass Anlage- und Kreditgeschäfte doch sehr komplex und schwierig sein können, werden sie - ganz eigenständig - den Service klassischer Berater in einer Sondersituation wieder in Anspruch nehmen wollen. Dafür werden sie dann aber entsprechende Beratungsgebühren und Servicepauschalen zahlen müssen.

Insofern ist es nur konsequent, dass das Beratungsgeschäft in Zukunft verstärkt vollautomatisiert über Algorithmen, sogenannte Bots, abgewickelt wird. Wird dem Verbraucher zugleich so viel Information wie möglich zur Verfügung gestellt, kann er - als mündiger Kunde - eigene Anlageentscheidungen treffen, die seine Bank - als Dienstleister - umsetzt. Der Wettlauf mit innovativen Fintech-Start-ups hat offenkundig längst begonnen: Als technologisch versierte Anbieter von Finanzdienstleistungen picken diese sich die lukrativen Geschäftsbereiche heraus - unbeeindruckt davon, dass sie oft unterkapitalisiert und nur selten versierte Experten in Sachen Banking sind. Das Nachsehen haben traditionelle Banken, die nicht wissen, wie sie ihre Geschäftsbereiche in die neue Welt transformieren können und Teile des alten Bankgeschäfts digitalisieren können. Reagieren die traditionellen Finanz-institute nicht zeitgemäß auf die veränderten Bedürfnisse ihrer Kunden, wird sie das Schicksal der Dinosaurier ereilen.

Dafür reicht ein Blick auf die Finanzbranche jenseits des Atlantiks: In den USA werden im Kundenservice bereits sogenannte Chatbots eingesetzt, die klassische Kundenanfragen mittels Algorithmen beantworten und so kostensparend und effizient arbeiten. Mitarbeiter, die dank des Chatprotokolls bereits ein Bild von der Situation haben, schalten sich nur in Ausnahmen zu.

Der absehbare Wandel erstreckt sich nicht nur auf das Retailbanking, das Finanzierungsgeschäft, die Zahlungs- und Wertpapierabwicklung und die Vermögensverwaltung. Sogar die Kreditvergabe, einst klassischer Sektor des Bankgeschäfts, wird bereits vom technologischen Wettbewerber bedrängt. Hier steht das traditionelle zentrale Kreditgeschäft den elektronischen dezentralen P2P-Plattformen gegenüber. Selbst Versicherer und Börsenbetreiber werden sich dem Wandel nicht entziehen können.

Für die hiesigen Banken gilt es, das Potenzial der Digitalisierung zu erkennen und die Kunden mit auf diesen Weg zu nehmen. Andernfalls drohen auch noch die letzten profitablen Geschäftsbereiche der Banken zu zersplittern und deren Fragmente unter Technologiekonzernen und Fintech-Start-ups aufgeteilt zu werden.

Andreas Lipkow

Lipkow arbeitet seit 1998 als Aktienhändler und ist derzeit bei der Kliegel & Hafner AG als Chefstratege tätig. Dort bildet der Handel im Bereich des Hochfrequenzhandels den Schwerpunkt seiner Arbeit. Zuvor war er Börsenmakler an der Frankfurter Börse. Kliegel & Hafner (Berlin) ist ein Trading-Unternehmen und konzipiert Handelsalgorithmen, durch die das eigene Kapital an den Börsen gehandelt wird.