Absurdes Hindernis: Banken jetzt endlich gefordert

Die US-Steuerpolitik behindert seit 2017 Anleger von Zertifikaten in US-Werte. Um die Hürden aus dem Weg zu räumen, sind die Banken als Dienstleister gefragt.

Für viele Anleger begann das Jahr 2017 mit einem Schock: Sie konnten kaum noch Derivate auf US-Basiswerte erwerben. Die US-Steuerbehörde IRS hatte zum Jahreswechsel eine Quellensteuer auf Derivate mit dem Bezug zu US-Basiswerten eingeführt, die Emittenten und Broker vor eine enorme abwicklungstechnische Hürde stellte.

Plötzlich war die steuerrechtliche Situation so verworren und kompliziert, dass es für die meisten Finanzdienstleister einfacher war, das Geschäftsfeld komplett auszuklammern. Die deutschen Banken hatten vorab keine Einigung mit den US-Behörden erwirken können und so wurde auf bestimmte Finanzprodukte eine hohe Quellensteuer erhoben. Selbst die größten US-Technologieunternehmen waren betroffen. Schuld daran war ausnahmsweise nicht der amtierende US-Präsident Donald Trump, sondern ein Steuererlass aus dem Jahr 2010, mit dem die damalige Obama-Administration Steuerumgehungsmöglichkeiten institutioneller Investoren einschränken wollte.

Zertifikate verlieren durch Besteuerung ihre Attraktivität

Die Steuerregel bekam die sperrige Bezeichnung "Section-871m" und regelte die Besteuerung von Erträgen, die ausländische Investoren in Aktientauschgeschäften als Quasidividende von US-Konzernen bekamen. Eine weitere Einschränkung machte es für Emittenten von Zertifikaten nicht mehr lukrativ, ab dem Steuerjahr 2017 weiter in diesem Segment tätig zu sein. Ab diesem Zeitpunkt sollten auch Erträge besteuert werden, die ausländische Investoren mit Derivaten aus US-Aktien erzielen konnten. Betroffen waren in diesem Zusammenhang insbesondere Derivate aus dem Zertifikate-Segment und synthetische Schuldverschreibungen auf US-Unternehmen, die von deutschen Finanzinstituten emittiert worden waren.

Schüttet nämlich ein US-Unternehmen eine Dividende an die Aktionäre aus, wird diese Dividende in den Preis des darauf basierenden Derivats eingepreist. Das grundsätzliche Problem dabei für deutsche Anleger: Das ausgegebene Derivat war kein US-Anlageprodukt, sondern das Produkt eines deutschen Emittenten. Damit hätte eigentlich nur das deutsche Steuerrecht gelten können - was seit der Regel aber nicht der Fall war. Nun erhob auch die amerikanische Steuerbehörde IRS Anspruch auf die ausgegebenen Derivate.

Banken sollten ihren Kunden als Schnittstelle dienen

Erschwerend kam hinzu, dass es wegen des Regierungswechsels in den USA eine Weile dauerte, bis die Vertreter der außeramerikanischen Finanzinstitute wieder reibungslos mit dem US-Finanzministerium und der IRS kommunizieren konnten. Fortan wollte die IRS zu jedem Zeitpunkt wissen, wann welche Quellensteuer, in welcher Höhe von welchem Anleger abgeführt wurde. Dass das in der Konstruktion eines verbrieften Zertifikats im deutschen Finanzmarkt nicht darstellbar ist, liegt auf der Hand. Lediglich die depotführenden Broker und Banken könnten diese Auskunft geben, da sie als Einzige in Gänze den Überblick über die gehaltenen Produkte haben. Nach dem deutschen Bankenrecht dürfen die Depotbanken den Emittenten aber gar nicht mitteilen, welcher Anleger welches Derivat in seinem Depot hält. Die Situation schien ausweglos, ein Großteil der handelbaren US-Basiswerte verloren.

Es ist dringend nötig, die amerikanischen Basiswerte für Zertifikate-Anleger wieder zugänglich zu machen. Schließlich befinden sich viele der größten und wichtigsten Unternehmen in den USA - und auch bei den außereuropäischen Anlegern zählen diese zu den Favoriten. Der potenzielle Gesamtmarkt für Zertifikate und ähnliche Produkte in diesem Segment hat eine Größenordnung von mehreren Milliarden Euro pro Jahr. Der Zugang zu einem sehr lukrativen Marktsegment darf weder den deutschen Privatanlegern noch den Emittenten von Finanzprodukten länger verwehrt bleiben. Hier sind die Banken als Dienstleister gefordert. Denkbar wäre etwa, dass sie als Schnittstelle zwischen Steuerbehörden und Privatanleger fungieren und diesen damit den Marktzugang wieder ermöglichen.

zum Gastautor:

Andreas Lipkow,
Marktexperte bei der Comdirect Bank
Andreas Lipkow arbeitet als Marktexperte und Spezialist im Bereich Brokerage bei der Comdirect Bank. Seine jahrelange Erfahrung im Investment Banking und Trading dient ihm bei Marktkommentierung und für Seminare und Vorträge. Die Comdirect Bank ist eine der größten Direktbanken in Deutschland und betreibt Bankgeschäfte ohne eigenes Filialnetz. Im Lauf der Jahre entwickelte sie sich immer stärker zur Universalbank.